Die Vanille in der Geschichte

cajun 27.05.2003, 00:00:00

Süchtig war er, nach Vanille - der Aztekenfürst Moctezuma. Vor 500 Jahren war er der mächtige Herrscher eines hochkultivierten Reiches, das heute Mexiko heißt. Die Krönung seines Lieblingsgetränks: das Würzen mit Vanille. Angeblich trank er täglich 50 Tassen "cacahuatl". Vanille wurde schon vor 4.000 Jahre in Mesoamerika, dem heutigen Mittelamerika, angebaut. Die Azteken bezahlten damit ihre Steuern. Sie nutzten Vanille als Gewürz und Medizin, die das Herz stärkt, Angst und Müdigkeit beseitigt. Besonders mit Kakao zusammen hellt sie die Stimmung auf - ein Kraftspender. Die Indianerinnen rieben sich mit der Schote über Haar, Haut und Kleidung, um ihre Anziehungskraft zu erhöhen. Das funktionierte, denn Vanillin, der Duftstoff der Vanille, ist chemisch verwandt mit den Sexuallockstoffen des Menschen.

Januar 1519: mit elf Schiffen und über 500 Soldaten startete Hernán Cortés seine Expedition aufs Festland. Die Legende sagte, dort gebe es ein reiches Land mit viel Gold namens "Mexiko". Cortés' Erkundungen zeigten ihm, dass er an der Schwelle eines großen, hochentwickelten Reiches stand. Doch politische Unruhen beutelten das Land der Azteken. Lokale Indiofürsten paktierten mit dem weißen Eroberer, kämpften mit ihm gegen andere Stämme. Sie wussten nicht, dass sie damit ihren Untergang besiegelten, dass Cortés sie kaltblütig gegeneinander ausgespielt und dem Oberherrscher Moctezuma ans Messer geliefert hatte. Für viele Azteken verkörperte der Spanier ihren Gottkönig Quetzalcoatl, der mit weißer Haut und roten Haaren zur Erde zurückkehren sollte.

Bei seinem Einzug in die prächtige Hauptstadt Tenochtitlán, heute Mexiko-City, bewirtete Moctezuma den Conquistador mit seiner bitter-süßen, vanillegewürzten Schokolade. Zu spät erkannten die Indianer ihren Irrtum: der Rothaarige war kein Gott. Der Untergangs des Aztekenreiches war der Anfang der Kolonisation Mittelamerikas. Die spanischen Handelsschiffe nahmen nicht nur tonnenweise Gold und Silber mit in die Heimat, sondern auch die fremden Gewürze Piment, Chili und natürlich Vanille.

Erst ungefähr 100 Jahre nach ihrer "Entdeckung" trat Vanille ihren kulinarischen Siegeszug an den europäischen Königs- und Fürstenhöfen an, besonders in Frankreich und England. Heiße Schokolade mit Vanille wurde zum Modegetränk der High Society. Allmählich fand man heraus, dass Vanille ein eigenständiges Gewürz ist.

300 Jahre beuteten die Spanier Mexiko als weltweit einzigen Vanilleproduzent aus. Argwöhnisch bewachten sie Pflanzungen und Häfen. Die Ausfuhr der einzigartigen Urpflanze musste verhindert werden, um das spanische Handelsmonopol zu sichern. Wer eine Orchidee außer Landes schmuggelte, wurde getötet. Dennoch gelangten 1807 Stecklinge auf geheimnisvollem Weg in die Botanischen Gärten von Antwerpen und Paris, nach Java und auf die Insel La Reunion. Überall dort blühten die Pflanzen, doch warum trugen sie keine Früchte? Weil die Tiere Mexikos fehlten, der Kolibri, bestimmte Bienen und Schmetterlinge, die die komplizierte Befruchtung der Orchidee übernehmen.

Alle Experimente gingen schief, erst 1841 gelang es: ein pfiffiger Sklavenjunge auf La Reunion bringt mit einem feinen Bambussplitter Pollen durch das natürliche Trennhäutchen auf den Stempel der Blüte. Die Entdeckung der künstlichen Befruchtung bedeutete das Ende der spanischen Marktbeherrschung, denn nun wurden Vanilleplantagen auch in anderen tropischen Gebieten angelegt. Heute kultiviert man die Königin der Gewürze auf La Reunion, den Komoren und hauptsächlich auf Madagaskar.

Vanillin: Vanille aus dem Labor

Vanillin, der typische Aromastoff in der Vanilleschote. Sie enthält nur sehr wenig davon, viel zu wenig, um den weltweiten Bedarf zu befriedigen. Seit 1874 kann man den begehrten Stoff auch im Labor herstellen. Man gewinnt Vanillin aus einem anderen natürlichen Rohstoff wie Holz oder Eugenol. Das ist in größeren Mengen in Nelkenöl enthalten: ungewöhnliche Fusion zweier verschiedener Gewürze.

Als Dank für die Geduld beim Lesen eine hübsche Legende:

Eine alte Geschichte aus Mexiko erzählt, dass sich einst das schöne Mädchen Vanilla in den Jüngling Chocolatl verliebte. Doch ein böser Zauberer verwandelte Vanilla in eine Orchidee und Chocolatl in einen Baum. Die Orchidee umschlang daraufhin in inniger Liebe den Chocolatebaum und ihre beiden Früchte vereinigen sich noch heute zu einem unnachahmlichen Getränk: Kakao mit Vanille.

Ich habe Teile aus einer Sendung des Bayerischen Fernsehens verwendet.