monsternockerl
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verfasst
am 06.05.2003 um 00:00:00 Uhr | Titel: Erdbeer-Märchen
Alberto war ein berühmter Erdbeersucher. Die Walderdbeeren von Nomi waren berühmt für ihren unnachahmlichen Geschmack, die vollendete Intensität und Süße. Sie schmeckten am besten mit einigen Spritzern Zitronensaft, der die volle Reife und das intensive Aroma erhöhte. Alberto ging es gut, seine Frau war zufrieden und die Kinder genossen eine unbeschwerte und glückliche Jugend.
Der Wald rund um den See war fast undurchdringlich und in den sonnigen Waldlichtungen, etwas im Schatten der hohen Fichten, gediehen die kleinen dunkelroten Erdbeeren besonders gut. Man mußte schon gut hundert Beeren sammeln, um eine kleine Schüssel zu füllen, doch der Lohn reichte für ein gutes Leben und es blieb auch Geld übrig, sich langsam ein neues Haus zu bauen. Die Erdbeeren waren beliebt und die Käufer aus der ganzen Welt wollten für die Tische der Reichen diese Erdbeeren haben. Mit der Zeit wurde Alberto übermütig. Die Pflückerei war schon ganz schön anstrengend für den Rücken und er hatte leider nie genug Beeren gesammelt, um alle Käufer zufriedenzustellen. Jedesmal mußte er schweren Herzens einen Kunden auf die nächste Ernte vertrösten.
Alberto bekam einen Tip von einem guten Freund. Der hatte Erdbeeren gesehen, die waren fleischiger und größer und es hingen auch mehr an einer Pflanze. Der Geschmack war zwar nicht mehr ganz so intensiv und wenn man ganz, ganz kritisch war, waren es eigentlich auch keine Walderdbeeren mehr.
Im nächsten Frühjahr pflanzte Alberto einige dieser Erdbeerpflanzen auf einem neu umgepflügten Wiesenstück am Waldrand. Die erste Ernte gedieh prächtig und Alberto konnte die Walderdbeeren vom Nomisee mit seiner neuen Errungenschaft strecken. Er mischte die etwas größeren helleren Beeren mit den kleinen dunkelroten Beeren zusammen und hatte viel weniger Arbeit, ein ganzes Schälchen zu füllen. In diesem Jahr war Alberto überglücklich - er brauchte keinen Kunden mehr wegzuschicken, er hatte endlich genügend Erdbeeren anzubieten und für die Familie blieb auch mehr Zeit. Mit dem so gewonnenen Geld wurde endlich der erste Stock luxuriös ausgebaut. Es war eine helle Freude, das Glück zu sehen. Am Ende der Erntesaison hatte Alberto sogar noch ein paar Erdbeeren übrig, die er den letzten Kunden etwas günstiger anbieten konnte.
Im nächsten Frühjahr weitete Alberto die Anpflanzung aus. Er nannte seine Erdbeeren aus der Plantage "Hochwalderdbeeren von Nomi" und bot allen Kunden, die 5 Schälchen kauften, ein sechstes Schälchen gratis an. Es gab ein paar murrende alte Kunden, die Alberto vorwarfen, daß seine früheren Beeren kleiner, dunkelfarbiger und aromatischer gewesen seien. Alberto konnte sie beschwichtigen, daß das auf Jahreszeitliche Wechsel zurückzuführen sei. Dafür gewann Alberto viele neue Kunden, die sich bisher die Erdbeeren nicht leisten konnten und die froh waren, einmal die berühmten Walderdbeeren vom Nomisee zu kaufen.
Alberto ging nicht mehr in den Wald und die alten Wege, die zu den versteckten Lichtungen führten, verwilderten. Alberto entdeckte eine neue Sorte, die sogar noch reicher trug. Wenn man ganz genau hinsah (aber wer ist denn so kritisch ?), waren die Beeren etwas blaß und der Geschmack vielleicht ein klein bißchen wäßrig - aber mit viel Zucker waren die Beeren eine herrliche Nachspeise.
Die Erdbeeren trugen wunderbar und auch der Dünger tat den Pflanzen sichtbar wohl. Es kamen viele Kunden, die von dem Ruf der "Hochwalderdbeeren" hörten und die sich noch erinnerten, wie ihre Eltern von dieser edlen Delikatesse schwärmten. Doch es kamen nicht genug, um alle geernteten Beeren zu verkaufen. Alberto senkte die Preise um 50%. Die Leute konnten jetzt doppelt soviele Beeren zum selben Preis mit nach Hause nehmen. Einige Kunden wunderten sich, was eigentlich die Eltern früher an den Erdbeeren gefunden hätten. So gut wären diese nun wirklich nicht und wenn man etwas kritisch sein wollte, so wären sie eigentlich relativ geschmacklos und fade obendrein.
Alberto hatte ein Problem: die vielen Erdbeeren, die er jetzt am Waldesrand angebaut hatte, kosteten zwar weniger Arbeit und der Rücken tat auch nicht mehr so weh - doch der Preis, den er jetzt für sein Schälchen bekam, reichte nicht mehr aus, um die längst überfällige Renovierung des zweiten Stockes zu bezahlen. Alberto las in einer Fachzeitschrift, daß er die Produktion verdoppeln konnte, wenn er den Düngereinsatz um 20 % erhöhte. Das müßte sich doch seiner Meinung nach lohnen. Die nächste Ernte war ein Gedicht. Alberto brauchte nur noch 20 Beeren, um ein Schälchen zu füllen und erstmals verkaufte er die Erdbeeren eimerweise. Der Preis war zwar leider unbefriedigend und es kamen jetzt nur noch mürrische Kunden, die ein Schnäppchen machen wollten und die an den Erdbeeren herumnörgelten. Alberto senkte die Preise um weitere 20%. Die Produktion erhöhte er um weitere 50%, aber irgendwie kam er mit dem Geld nicht mehr zurecht.
Alberto schob das auf die allgemeine Wirtschaftslage, die Rezession, die Arbeitslosigkeit und die Konkurrenz und träumte von den alten Zeiten, als die Leute für eine kleines Schälchen mehr Geld bezahlten, als jetzt für den ganzen Eimer. Ein Regierungsberater sagte Alberto, daß er die Produktion weiter mechanisieren müßte, um die ausufernden Kosten in den Griff zu kriegen und den Absatz durch günstigere Preise zu steigern.
9 Jahre später überlegte die Bezirksregierung, ob sie einen Erdbeer-Stützungsfond einrichten sollte. Die Preise waren endgültig im Keller und Alberto beschloß, wenn die Leute keine guten Preise mehr zahlen, dann braucht er sich auch in der Qualität nicht mehr anzustrengen. Auf den Boden der Eimer wanderten jetzt die faulen und die angeschlagenen Erdbeeren. Bei den Preisen konnte es den Käufern schließlich egal sein, was sie kriegten.
Alberto beschloß, seine Erdbeeren umzutaufen. Aus seinen "Hochwalderdbeeren" wurden jetzt die "Nomi Walderdbeeren Sonderklasse Extra". Einige ältere Leute beschwerten sich, daß früher eigentlich ganz andere Erdbeeren unter dieser Bezeichnung verkauft wurden. Sie konnten aber aufgeklärt werden, daß sie sich irren müßten. Die Nomi Walderdbeeren wären immer schon die großen, weißlichen Früchte gewesen, die man nur mit viel Zucker und Schlagsahne essen konnte und außerdem der Klimaumschwung und die Umweltschäden. Die Regierung verabschiedete eine Informationskampagne und verteilte wahllos Gütesiegel.
Alberto vermietete die erste Etage, um ein zusätzliches Einkommen zu haben. Von den Erdbeeren konnte niemand mehr leben. Die Regierung vertröstete ihn, daß die Leute wieder mehr Erdbeeren kaufen würden, wenn man die Beeren nur günstig genug anbieten könnte - dazu müßten aber zuerst die Arbeitskosten gesenkt werden. Der Maßstab für die Erdbeeren waren die Kartoffelrichtpreise. Wenn man die Erdbeeren nur billiger als die Kartoffeln anböte, würden die Kunden von den Kartoffeln auf Erdbeeren umsteigen.
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